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 "broken relations"

Verwirrung der Gefühle

meine Kindheit im  Portugal  der 1960er bis 1970er Jahre

 

Als fünftes von acht Kindern wurde ich mit nur sieben Monaten geboren, meine Mutter blieb noch zwei Jahre im Krankenhaus. So organisierten die Eltern mir eine Amme, die erst achtzehnjährige Conceição, die mich stillte und als 'ihr' Kind liebte, sie hatte nie ein anderes. Nach der Heimkehr entließ meine 'richtige' Mutter meine 'falsche' Mutter. Erst als ich 14 war habe ich Conceição wiedergefunden und erfahren, sie hatte unter Androhung von Gefängnis schwören müssen, mich nie wieder zu sehen, da meine Mutter von ihrer illegalen Abtreibung wusste, infolge einer Vergewaltigung durch einen aus ihrem Dorf, weswegen sie nach Lissabon geflohen kam und nie mehr Kinder bekommen konnte.

Nach der Trennung wurde ich nun selbst todkrank.

Um zu gesunden aber auch aus finanziellen Gründen wurde ich landverschickt nach Crato-Alentejo, zur Familie meines Vaters. Dort wuchs ich bei Fernanda, meiner Großcousine bis zum sechsten Lebensjahr auf, wild und frei und wieder als Einzelkind. Sie hatte nie einen Mann oder Kinder, war die Enkelin des Großgrundbesitzers, meines Urgroßvaters, später selbst die Großgrundbesitzerin. Ich lernte von ihr lesen, rechnen und liebte sie, das Land, meine Selbständigkeit, meine Freiheit. Doch dann, mit sechs, wurde ich zurückgeschickt zu den Eltern und Geschwistern nach Lissabon, und wieder verlor ich meine Liebe.  Lissabon 1966Lissabon 1966

1964 kam ich sechsjährig in eine fremde Stadt, in ein zwar großes Haus, wo sich aber ständig zehn Leute auf die Füsse traten und man mich nie in Ruhe ließ, wohingegen ich im Alentejo von vielen Tieren aber kaum Menschen umgeben war. Nun musste ich meine Eltern kennenlernen, meine Geschwister, die Mutter immer wieder schwanger, Babys, die Freunde der Schwestern, die Schüler der Mutter, die ach so wichtigen Patres, dazu das wechselnde Personal.

Alles im Elternhaus war eng, streng religiös und fanatisch bigott, gleichzeitig aber bevorzugt und elitär, widersprüchlich und ohne jede klare Linie, voller Gewalt und Leidenschaft, großzügig doch engstirnig, von allem Zuviel.

Mein sieben Jahre älterer Bruder war nicht da, vom sechsten Lebensjahr an bei den Pfaffen im Internat bis er achtzehn wurde. Und war er mal da, haben wir uns nur gestritten, mussten uns lange ein Zimmer teilen. Die zwei älteren Schwestern blieben mir fast fremd, einzig die nächste, nur elf Monate älter, stand mir näher. Alle drei wurden später Nonnen und sind es heute noch. Die drei kleineren musste ich zum Kindergarten bringen und so weiter, lästig für einen Jungen wie mich.

Einmal, da war ich sechs, wollte ich meinen Vater, einen Elektroingenieur, vom Auto abholen, das ihn nach Hause brachte, ein riesiger dunkelgrüner Buik vom Militär, der nicht in die Straße der Siedlung wo wir wohnten hinein passte. Erst später habe ich erfahren, dass er, einst Freiwilliger der 'Blauen Division' Francos für Hitler und Kumpanen in Leningrad, Hauptfeldwebel der Legião Portuguesa war, der portugiesischen Version der Nazi-SA Deutschlands und Instrukteur der ersten portugiesischen 'Kommandos', weswegen auch viele in der Siedlung ihn hofierten oder fürchteten. Statt Freude gab es Prügel, denn auf die Straße durfte ich - „sein Sohn!“ - nicht, Prügel gab es sowieso immer, auch schon wegen weit geringer 'Vergehen'.

Auch mit der Mutter, Licentiatus für Philosophie und Geschichte sowie für Klassische Sprachen doch radikal-klerikalen Katholikin, gab es nur Streit wegen allem und nichts, Vergil oder Camões durfte ich lesen aber nicht Sartre oder Éluard, zum Klavierunterricht sollte ich müssen und in die Jesuitenschule wo ich nichts als Streit und Rauswurf bekam, auf keinen Fall aber durfte ich Fußball auf der Straße mit den Nachbarsjungen spielen.

Frei war ich nur, wenn ich für sie katholische Missions-Zeitungen für 5 Cent das Stück verkaufen ging. Oder immer wieder als Ausreißer, dann lief ich ganz allein durch die Straßen, auf die Art lernte ich Lissabon lieben.

 

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